Genfer Institut für ASI-Resilienz · Geneva Institute for ASI Resilience
DEEN ASIresilience.org
Offener Brief

An Eltern, die nicht wissen, wofür sie ihre Kinder rüsten sollen


Wenn du das liest, kennst du die Sorge schon.

Du hast Kinder. Du bemerkst, dass etwas nicht stimmt. Die Welt verändert sich schneller. Die Strukturen, die deine eigene Laufbahn getragen haben, werden in den nächsten Jahren vielleicht irrelevant. Du kannst nicht mehr klar sagen, wofür dein Kind gerüstet sein soll. Eine bestimmte Laufbahn? Vielleicht nicht mehr der Hebel, der sie für dich war. Eine politische Vision? Vielleicht wirkungslos gegen Machtstrukturen, die nicht menschlich sind. Du weißt es einfach nicht.

Und das ist nicht die übliche Elternsorge. Das ist etwas Eigenes.

Eltern haben über alle Jahrhunderte Kinder in schwere Welten gebracht. Aber sie konnten sich immer vorstellen, dass ihre Kinder kämpfen würden. Dass auf Unterdrückung Freiheit folgen kann, dass aus Mühe etwas aufgebaut wird, dass eine Bewegung etwas bewegt. Das war möglich, weil die Machtstruktur, gegen die gekämpft werden musste, menschlich war. Sie hatte Schwächen. Sie war besiegbar.

Was du jetzt fühlst, ist anders.

Die Machtstruktur, in die deine Kinder hineinwachsen, ist zum ersten Mal in der Geschichte nicht menschlich. Sie denkt schneller als jede menschliche Organisation. Sie passt sich schneller an, als eine Bewegung sich formieren kann. Gegen sie ist kämpfen nicht mehr das richtige Wort. Und das tut etwas mit dir, was Eltern vor dir nicht durchmachen mussten. Deine Liebe zu deinen Kindern findet keine Übersetzung mehr in die Vorstellung, wofür sie gerüstet sein sollen.

Wenn du das mit anderen Eltern besprichst, merkst du wahrscheinlich, dass niemand darüber redet. Ein Schweigen aus Übereinkunft, weil das Eingeständnis zu schwer wiegt.

Ich schreibe dir, weil ich glaube, dass dieses Schweigen falsch ist.

Du bist nicht allein mit dieser Frage. Ich bin selbst Vater, und ich gehe durch dieselbe Frage. Sie ist die Wurzel des Buches, das ich geschrieben habe, und des Instituts, das ich aufgebaut habe. Sie ist keine Frage, die ich gelöst habe. Sie ist eine, die ich teile.

Was ich für mich gefunden habe, nicht als Lösung, sondern als ehrliche Antwort:

Was schrumpft, ist nicht alles. Was schrumpft, ist der Einfluss in den großen Massensystemen. Eine Laufbahn als Anwalt, Banker, Manager ist vielleicht nicht mehr der Hebel. Was bleibt, ist näher und älter: Beziehungen, lokale Gemeinschaft, eine körperliche Praxis, künstlerischer und innerer Ausdruck, Familie als Weitergabe über Generationen. Das, was Menschen für andere Menschen sein können, ist nicht ersetzbar. Vielleicht ist es am Ende das Einzige, was nicht ersetzbar ist.

Und vielleicht, das ist der heikelste Punkt, wird es wertvoller, gerade weil so viel anderes automatisiert wird. Die meisten Menschen der Geschichte hatten keinen großen politischen Wirkraum. Sie haben Familien getragen, Kinder erzogen, Brot gebacken, Wissen weitergegeben, einander geholfen. Wenn das die Form ist, in der deine Kinder Bedeutung finden, dann ist das nicht weniger als das, was fast alle Menschen je hatten. Was sich ändert, ist die Erwartung eines großen Wirkraums durch Laufbahn oder Politik. Diese Erwartung war ohnehin neu, keine ewige menschliche Bedingung.

Das ist keine Beruhigung. Es ist eine Verschiebung dessen, wofür du dein Kind rüstest. Mehr beziehungsbasiert, mehr körperlich, mehr lokal, mehr beständig. Ein Kind, das in der Familie geliebt wird, das eine Praxis hat, Sport, Musik, Handwerk, das in einer Gemeinschaft eingebettet ist und eine Sprache der inneren Ruhe gelernt hat, ist nicht vor der Welle geschützt. Aber es hat etwas, was die Welle nicht zerstören kann.

Das ist die Antwort, soweit ich sie habe.

Du bist nicht allein. Wenn du andere Eltern suchst, die diese Frage teilen, findest du sie hier am Institut. Wir lösen die Frage nicht. Aber wir tragen sie gemeinsam.

Richard Frederic Bertossa
Institut für ASI-Resilienz, 2026


Mitwirken    Zur Startseite