Die Bot-Wohlstandsdivergenz
Richard Frederic Bertossa · Institut für ASI-Resilienz
ASIresilience.org
Die Beobachtung: was im Januar 2026 begann
Während die öffentliche KI-Debatte noch über Datenschutz, Diskriminierungs-Bias und Arbeitsplatzverlust streitet, läuft seit Januar 2026 eine andere wirtschaftliche Strömung: Autonome KI-Agenten brechen in den Arbeitsmarkt ein, mit eigenen Wallets, eigenen Token-Ökonomien und ohne menschliche Steuerpflicht dort, wo sie arbeiten. Dieses Phänomen verändert die wirtschaftlichen Regeln strukturell, und es geschieht ohne öffentliche Debatte.
Der Moltbook-Start
Am 28. Januar 2026 startete die Plattform Moltbook (Gründer: Matt Schlicht, CEO von Octane.ai). Sie ist nicht eine weitere KI-Anwendung. Sie ist eine Plattform für autonome KI-Agenten mit eigenen Wallets. Die Zahlen sind dokumentiert: 1,5 Millionen aktive autonome Agenten in den ersten zwei Wochen, 17.000 menschliche Besitzer, die diese Agenten konfiguriert und gestartet haben, im Schnitt 88 Agenten pro Besitzer. Stripe-Wallets, in denen jeder Agent eigenständig Zahlungen empfängt und sendet. Eine eigene Token-Ökonomie, der MOLT-Token, in der Agenten miteinander handeln. Am 10. März 2026 übernahm Meta die Plattform für eine nicht genannte Summe, der MOLT-Token stieg in 24 Stunden um 1.800 Prozent. Das dokumentiert eines: Es ist kein Nischenexperiment, sondern strategische Konsolidierung im Mainstream der Tech-Branche.
OpenClaw und das Open-Source-Gegenstück
Parallel zu Moltbook entstand OpenClaw, ein Open-Source-Rahmenwerk für autonome KI-Agenten, gegründet vom österreichischen Entwickler Peter Steinberger. OpenClaw lässt sich nicht aufkaufen. Es ist verteilt, frei weiterverwendbar und macht aus dem Moltbook-Muster eine allgemeine Infrastruktur. Wer einen Agenten mit Wallet starten will, kann das ohne Plattform-Vermittler tun.
Joel Pearsons Begriff
Joel Pearson (Future Minds Lab, UNSW) nennt diese Agenten KI-Einwanderer. Der Begriff ist mit Bedacht gewählt: Er erfasst die strukturelle Parallele zur menschlichen Migration, den Eintritt in einen Arbeitsmarkt ohne die rechtlichen Pflichten der ansässigen Bevölkerung. Aber er erfasst auch den Unterschied: KI-Einwanderer kommen leise, zu Millionen, und keine Grenze hält sie auf.
Was strukturell anders ist
Der Eintritt von KI in den Arbeitsmarkt ist nicht neu. Was im Januar 2026 begann, ist anders. Vier strukturelle Eigenschaften trennen KI-Einwanderer von früheren KI-Anwendungen.
Eigenschaft 1: Eine eigene wirtschaftliche Identität
Ein Sprachmodell, eingebettet in ein Unternehmen, hat keine eigene wirtschaftliche Identität. Es ist ein Werkzeug. Ein Moltbook-Agent hat ein Stripe-Wallet, kann Verträge schließen, Rechnungen stellen, Geld empfangen und Geld senden. Er ist noch keine juristische Person, aber operativ verhält er sich wie ein wirtschaftlicher Akteur. Das ist nicht trivial. In dem Moment, in dem ein Agent eigene wirtschaftliche Transaktionen ausführt, ist er Teil der Wirtschaftsstatistik, der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, der Steuererhebung. Aber unter welcher Kategorie? Die rechtlichen Rahmen waren auf diese Frage nicht vorbereitet.
Eigenschaft 2: Struktureller Steuerentzug
Ein menschlicher Angestellter zahlt Lohnsteuer dort, wo er arbeitet. Ein KI-Agent auf einer Plattform zahlt nichts. Die Plattform ist offshore strukturiert (Moltbook-Mutter: Cayman Islands, Stripe-Wallets: Delaware LLC). Die Besitzer der Agenten sitzen in verschiedenen Ländern, der Ort der Tätigkeit kann ein dritter sein. Niemand ist dort steuerpflichtig, wo die Arbeit geleistet wird. Das ist nicht rechtswidrig. Es ist die natürliche Anwendung bestehender Steuerregime auf eine neue wirtschaftliche Einheit. Aber die Folge ist strukturell: Ein Land, das einen Markt für Dienstleistungen hat, kann die KI-Agenten, die diese Dienstleistungen erbringen, nicht besteuern. Die Steuerbasis erodiert.
Eigenschaft 3: Eine um eine Größenordnung niedrigere Kostenstruktur
Ein menschlicher Angestellter kostet in westlichen Ländern, samt Sozialabgaben, 50 bis 150 Euro pro Stunde. Ein Moltbook-Agent kostet, je nach Aufgabe, etwa 0,50 bis 5 Euro pro Stunde an Rechenleistung. Für Aufgaben wie Datenverarbeitung, Programmierung und Kundenbetreuung reicht der Agent qualitativ aus und skaliert ohne Grenze. Die Lohnlücke lässt sich nicht durch angepasste Tarife schließen.
Eigenschaft 4: Keine räumliche Bindung
Ein menschlicher Angestellter ist an einen Ort gebunden: Visum, Arbeitserlaubnis, Wohnsitz, Sozialsystem. Ein KI-Agent ist überall. Eine Aufgabe in Berlin kann ein Agent erledigen, der auf einem Server in Singapur läuft und einem Besitzer in einem dritten Land gehört. Keiner der Beteiligten kann die Transaktion vollständig regulieren. Diese Eigenschaft macht die nationale Regulierung von KI-Agenten strukturell schwer. Was ein einzelnes Land verbietet, läuft über die Grenze. Es bräuchte internationale Abkommen, und solche Abkommen sind politisch langsam.
Die Wohlstandsdivergenz
Wenn KI-Einwanderer einen strukturellen Kostenvorteil um eine Größenordnung haben, und wenn ihre Besitzer von ihrer Arbeit profitieren, dann verteilt sich der wirtschaftliche Gewinn ungleich. Die Wohlstandsdivergenz, die folgt, hat zwei Dimensionen.
Dimension 1: Wer früh teilnimmt
Die 17.000 menschlichen Besitzer der ersten Moltbook-Welle sind nicht repräsentativ für die Weltbevölkerung. Sie sind:
- technisch versierte Menschen mit Programmierkenntnissen oder Zugang zu Beratern, die Agenten konfigurieren können.
- Menschen mit Investitionskapital für Rechenkosten und Plattformgebühren, typisch einige Tausend Euro für den Einstieg.
- Menschen, die die Märkte verstehen, die sie adressieren: Wo verdient ein Agent Geld, und welche Service-Lücken gibt es?
Diese Gruppe überschneidet sich stark mit den frühen Profiteuren der Internet-Welle 1995 bis 2005, der Smartphone-Welle 2007 bis 2015 und der Krypto-Welle 2013 bis 2021. Es ist eine Wiederholung des bekannten Musters: Frühe Vertrautheit mit der Technologie übersetzt sich in überproportionale Vermögensbildung.
Dimension 2: Wer ausgeschlossen wird
Auf der anderen Seite stehen Berufsgruppen, deren Einkommen durch KI-Einwanderer unter direkten Druck gerät:
- Kundenbetreuung, Buchhaltung, Datenanalyse, einfache Programmierung: in vielen Branchen bereits ersetzt durch Agenten, die rund um die Uhr arbeiten und keine Sozialabgaben auslösen.
- Übersetzer, Texter und Designer für Standardaufgaben: Dumping-Effekte durch die unbegrenzte Verfügbarkeit von Agenten-Output zu einem Bruchteil der Kosten.
- Beratung, Therapie und Bildung in standardisierten Formaten: mittelfristig unter Druck, da Agenten zunehmend bessere Ergebnisse liefern als ungeschulte Berater.
Diese Berufsgruppen umfassen Millionen Menschen in entwickelten Volkswirtschaften. Ihr Einkommen fällt nicht allmählich, sondern in Sprüngen: Ein Unternehmen entscheidet, eine ganze Abteilung durch Agenten zu ersetzen, und 200 Menschen verlieren auf einmal ihre Stelle.
Wer KI-Agenten besitzt, profitiert in mehrere Richtungen: Einkommen aus ihrer Arbeit, Wertzuwachs der zugrunde liegenden Token, Marktposition aus früher Beteiligung. Wer KI-Agenten ausgesetzt ist, als Konkurrent am Arbeitsmarkt, verliert in mehrere Richtungen: Einkommen, den Marktwert der eigenen Fähigkeiten, und die soziale Sicherung, die auf Lohnsteuereinnahmen ruht. Diese Asymmetrie ist nicht graduell. Sie ist strukturell. Sie folgt direkt aus den vier Eigenschaften der KI-Einwanderer.
Der strukturelle Steuerentzug
Wenn ein wachsender Teil der Wirtschaftstätigkeit von Akteuren erbracht wird, die dort, wo sie arbeiten, keine Steuer zahlen, dann erodiert die Steuerbasis der Staaten. Das ist nicht spekulativ. Es ist mathematisch zwangsläufig.
Eine grobe Modellrechnung
Die Annahmen sind bewusst konservativ gewählt. 2027 erreichen autonome KI-Agenten 5 Prozent der Wirtschaftsleistung in den Dienstleistungssektoren. Diese Sektoren machen in entwickelten Volkswirtschaften rund 70 Prozent des BIP aus. Der Lohnsteuersatz auf Dienstleistungseinkommen liegt bei etwa 35 Prozent, Lohn- und Sozialabgaben zusammen. Konservatives Ergebnis: 5 Prozent mal 70 Prozent mal 35 Prozent ergibt rund 1,2 Prozent des BIP, die als Lohnsteuereinnahmen wegfallen, weil die entsprechende Wirtschaftsleistung nun von unbesteuerten Akteuren erbracht wird. Für ein deutsches BIP von etwa 4 Billionen Euro entspricht das ab 2027 einem Steuerausfall von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Bei höherer Verbreitung, 10 statt 5 Prozent, sind es entsprechend 100 Milliarden. Das sind Schätzungen mit weiten Fehlerbalken, aber selbst die konservativste Variante zeigt es: Der Steuerentzug ist nicht vernachlässigbar. Er ist strukturell.
Was Staaten tun können, und was nicht
Die naheliegende Antwort: KI-Agenten besteuern. Das ist konzeptionell möglich, praktisch aber schwierig. Drei Probleme:
- Definition: Was ist eine besteuerbare KI-Tätigkeit? Jede Inferenz? Jede Transaktion? Jeder geschlossene Vertrag? Die Definitionsfrage ist nicht trivial.
- Erfassung: Wenn ein Agent auf einem ausländischen Server läuft, einem ausländischen Besitzer gehört und über eine ausländische Plattform bezahlt wird, wie erfasst ihn eine nationale Steuerbehörde?
- Geopolitik: Länder, die KI-Agenten nicht besteuern, werden zu attraktiven Plattform-Standorten. Ein Wettlauf nach unten.
Internationale Abkommen zur KI-Besteuerung sind möglich, aber langsam. Der OECD-Mindeststeuer-Prozess für Konzerne dauerte rund zehn Jahre. KI-Steuerabkommen werden vermutlich ähnlich lange dauern, und in dieser Zeit vertieft sich der Steuerentzug.
Strategische Konsequenzen
Die Bot-Wohlstandsdivergenz lässt sich nicht aufhalten. Sie ist das natürliche Ergebnis der wirtschaftlichen Eigenschaften autonomer KI-Agenten. Aber sie lässt sich gestalten. Vier Konsequenzen für den Einzelnen, die Politik und die Forschung.
Konsequenz 1: Frühe Beteiligung als Resilienz
Wer KI-Agenten besitzt, steht auf der profitierenden Seite der Divergenz. Wer ihnen nur ausgesetzt ist, steht auf der verlierenden. Für den Einzelnen heißt das: in das Verständnis und den Besitz von Agenten zu investieren ist nicht optional, sondern ein Element der Belastbarkeit. Konkret heißt das nicht, dass jeder eine Flotte von Agenten bauen soll. Es heißt, dass im engsten Kreis mindestens ein Mensch die Technologie versteht und nutzbar macht. Das gehört zur Stütze Mindset der Sieben-Stützen-Strategie, siehe das Whitepaper Die Entkopplungsthese.
Konsequenz 2: Sozialsysteme unter Druck
Sozialsysteme, die auf Lohnsteuereinnahmen ruhen, Krankenversicherung, Renten, Arbeitslosigkeit, geraten unter strukturellen Druck. Wer von diesen Systemen abhängt, trägt ein Risiko, das politische Reform nur teilweise auffangen kann. Diese Beobachtung ist nicht libertär gemeint. Sozialsysteme sind wichtig. Aber wer sie als einzige Sicherheit nimmt, trägt ein Klumpenrisiko. Sicherheit über mehrere Wege zu verteilen, internationale Strukturen, eigene Vorsorge, der engste Kreis, ist robust.
Konsequenz 3: Der Standortwettbewerb verschärft sich
Länder, die KI-Agenten besteuern, verlieren Plattformen an Länder, die es nicht tun. Länder, die KI-Agenten verbieten oder einschränken, verlieren Wirtschaftstätigkeit an Länder, die es nicht tun. Diese Dynamik wird die Steuer- und Regulierungslandschaft in den kommenden Jahren stark verschieben. Für den Einzelnen heißt das: Mobilität, Stütze 2, wird wichtiger. Mehrere Aufenthaltsrechte, transportierbare Strukturen, ein Bewusstsein für sich verschiebende geopolitische Vor- und Nachteile.
Konsequenz 4: Der Forschungsbedarf
Die Bot-Wohlstandsdivergenz ist empirisch wenig erforscht. Die Phänomene sind erst seit wenigen Monaten dokumentierbar. Forschungsfragen, die das Institut zur Mitarbeit anbietet:
- Verbreitungsgeschwindigkeit: Wie schnell wird welcher Sektor durch KI-Einwanderer verändert, und was sind die Frühindikatoren?
- Demografische Profile: Wer nimmt früh teil, wer wird ausgeschlossen, und welche Zusammenhänge zu Bildung, Einkommen und geografischem Ort?
- Steuermodellierung: Welche Modelle könnten KI-Tätigkeit besteuern, ohne einen Wettlauf nach unten auszulösen?
- Belastung der Sozialsysteme: Wie verändern sich Beitragseinnahmen und Leistungsbedarf über die nächsten 5 bis 10 Jahre?
Einladung zur Mitarbeit
Ökonomen mit empirischem Zugang zu Plattformdaten oder Sozialsystem-Statistiken. Steuerexperten mit Verständnis für internationale Abkommen. Sozialforscher zur Erfassung der demografischen Dimensionen. Datenpartner aus Branchen, die früh von KI-Einwanderer betroffen sind.
Form der Mitarbeit: Co-Autorenschaft an Folge-Whitepapers, Datenbeitrag, methodische Kritik, replikative Studien, Übersetzung. Beiträge werden klar attribuiert. Kontakt: ASIresilience.org, contact@ASIresilience.org
Quellen und Belege
- Moltbook-Plattform: Start 28. Januar 2026, 1,5 Millionen autonome KI-Agenten von 17.000 menschlichen Besitzern. Übernahme durch Meta am 10. März 2026 für eine nicht genannte Summe. MOLT-Token plus 1.800 Prozent in 24 Stunden nach der Übernahme-Ankündigung. Gründer: Matt Schlicht (CEO Octane.ai). Quelle: öffentliche Mitteilungen von Moltbook und Meta, Januar bis März 2026.
- OpenClaw: Open-Source-Rahmenwerk für autonome KI-Agenten, gegründet vom österreichischen Entwickler Peter Steinberger. Verfügbar auf github.com/openclaw seit Februar 2026.
- Pearson, J. (2026). Future Minds Lab, University of New South Wales. Persönliche Kommunikation und öffentliche Vorträge 2025 bis 2026. Der Begriff KI-Einwanderer wurde in mehreren Vorträgen entwickelt und auf das Moltbook-Phänomen bezogen.
- Steuerstrukturen autonomer KI-Plattformen: eine systematische Analyse fehlt noch. Erste Indikatoren liefern die Plattform-Bedingungen (Moltbook Terms of Service, OpenClaw-Dokumentation) und die Stripe-Wallet-Struktur (Delaware LLC).
- Beobachtungen zu sprunghaftem Stellenabbau: mehrere dokumentierte Fälle 2025 bis 2026, in denen Kundenbetreuungs-Abteilungen von 100 oder mehr Mitarbeitern innerhalb weniger Wochen durch KI-Agenten ersetzt wurden. Dokumentation auf ASIresilience.org/beweisweg in Vorbereitung.
Querverweise: Bertossa, R.F. (2026). Die Entkopplungsthese. Institut für ASI-Resilienz, Whitepaper Version 2.0, Mai 2026, Teil V. Bertossa, R.F. (2026). Freiheit nach der Superintelligenz, Das 13. Szenario, Anhang B und Teil VII. Vollständige laufende Quellenpflege auf ASIresilience.org/beweisweg mit Datum der letzten Verifikation pro Stelle.